Meine Bilanz: Von 2 auf 8 Kilogramm Verpackungsmüll in der Woche (pro Kopf) in sechs Jahren.
Wie mir Bilder und Iterationen helfen werden diesen Trend wieder umzukehren.
Meine grüne Tonne, in der Verpackungsmüll gesammelt wird, war vor 6 Jahren fast leer. Ich war hoch motiviert in meiner zweiten Elternzeit und hatte ein wenig Zeit, um dem Thema Plastikvermeidung auf den Grund zu gehen. In unserer kleinen Stadt gab es eine kleine engagierte Gemeinschaft, die sich mit dem Thema "Zukunft ohne Plastik" gewidmet hatte. Ich lauschte den Ideen und setzte einiges selbst in die Tat um: Ich achtete auf nachhaltige Verpackungen beim Einkauf oder verzichtete ganz darauf. Ich nahm eigene Behälter mit in den Supermarkt und kaufte damit den Käse oder den Aufschnitt. Biokisten mit Obst und Gemüse wurden von mir bestellt, die bis zur Haustür geliefert wurden. Einige Dinge des Alltags habe ich sogar selbst hergestellt, zum Beispiel Lippenbalsam, Hafermilch und Geschirrreiniger. Auch bei der Babyhygiene habe ich die Einwegprodukte auf die Windeln reduzieren können. Der Müllberg, den wir als vierköpfigen Haushalt verursachten, wurde auch merklich in unseren Tonnen immer kleiner.
Corona erforderte pragmatische Lösungen.
Und dann kam Corona. Behältnisse durften nicht mehr in den Supermarkt mitgenommen werden. Meine eigene Angst hatte dafür gesorgt, nur einmal in der Woche einkaufen zu gehen, und diese Bevorratung mit Lebensmitteln sorgte für einen Anstieg unseres Verpackungsmülls. Auch griff ich automatisch lieber nach dem verpackten Obst und Gemüse. Zudem kam die Nutzung von einzeln verpackten Masken und Handschuhen, diese erhöhten langsam unseren "Plastikkonsum" zusätzlich. Im Homeoffice blieb neben Homeschooling und Kinderbetreuung kaum Zeit und Kraft, um noch Dinge selbst herzustellen oder sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Beruflich ging es dann auch noch in die Selbstständigkeit, und ich brauchte im Alltag pragmatische Lösungen, besonders beim Einkaufen. Das Experiment plastikfreier Haushalt war damit gescheitert. Und nun, lange nach dieser herausfordernden Zeit, haben sich die alten Gewohnheiten mit hohem Plastikkonsum wieder voll eingeschlichen. Darauf bin ich nicht stolz.
Ich habe mir dann die Frage gestellt, warum es so schwer ist, die neuen Gewohnheiten langfristig umzusetzen, denn der Klimaschutz ist eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Es gibt keinen Planet B. Zugleich ist es aber auch die schwierigste Herausforderung unserer Zeit. Warum das so herausfordernd ist, liegt an der Komplexität der Zusammenhänge. Als einzelner Mensch ist es oft schwer, sich zu klimafreundlichem Verhalten durchzuringen, weil man sich Gewohnheiten erarbeitet hat, und diese auch nur schwer aufzulösen sind.
Ich habe immer gedacht, dass viele kleine gesellschaftliche und auch individuelle Experimente dazu führen, um einen Wandel zu erzeugen. Ich bin überzeugt von der Wirksamkeit kleiner Iterationen, wie im agilen Kontext. Schritt für Schritt nähert man sich einer Vision, dem True North. Dafür muss man dranbleiben und die kleinen Schritte, in meinem Fall das eigene Handeln, immer wieder auf das Erreichen der Ziele ausrichten. Und dann weiterhin kleine Veränderungen austesten und beibehalten.
Aber bei meiner Reflexion und zusätzlicher Recherche zum Thema wurde mir klar, warum ich nicht erfolgreich war, denn es gibt auch von wissenschaftlicher Seite aus einige Erklärungen zum Thema fehlendes, klimafreundliches Verhalten, die ich alle sehr gut nachvollziehen kann:
Fehlende direkte Erfolgserlebnisse: Klimafreundliches Verhalten führt oft nicht zu sofort sichtbaren positiven Veränderungen, was die Motivation senkt. Das stimmt für mich auch. Ich habe meinen Konsum eingeschränkt, auf praktische Lösungen verzichtet und dennoch gibt es einen Anstieg der Temperaturen weltweit.
Was hilft also für ein direktes Erfolgserlebnis? Ich setze neue Erfolgsmaßstäbe, zum Beispiel neue Ziele bzw. ich setze sie in ein neues Licht, in einen neuen Rahmen.
Dabei mache ich mir direkt visuelle Effekte für mich sichtbar: Meine Mülltonne muss leerer werden. Wie wäre es mit einer persönlichen Challenge: Wie oft oder wenig werde ich den Müllsack raustragen? Ich binde also Gamification ein: Wie lange reicht der Müllsack, bis ich ihn in der großen Tonne entleeren kann? Wie voll bzw. leer wird meine eigene Mülltonne innerhalb einer Woche? Ich markiere den Füllstand der Mülltonne bei Abholung mit einem Kreidestift. Und ich visualisiere zudem meinen Erfolg anders:
Die Bilder von der Plastikverschmutzung der Weltmeere. Jede vermiedene Plastikverpackung rettet vor meinen inneren Augen ein Tier vor dem Erwürgen und Ersticken durch Plastikmüll im Meer. Diese Bilder sind hart, aber wirkungsvoll.

Ein weiteres Hemmnis: Psychologische Barrieren. Die Klimakrise wirkt abstrakt und entfernt (psychologische Distanz), wodurch sie für viele schwer greifbar ist. Zudem können Gefühle wie Angst oder Ohnmacht lähmend wirken. Ja, auch dieses Gefühl kommt mir bekannt vor, aber auch da führe ich mir ein Bild vor Augen, welches ich in einem Tierpark an der Nordseeküste gesehen habe: Heimische Vogelarten, die mithilfe von Plastiknetzen ihre Nester im Frühling bauen. Und daneben die erdrosselten Jungtiere, weil nicht brüchiges Schilf, sondern undurchdringliches Plastik den Hals zuschnürt. Diese Bilder sind für mich unerträglich, dieses Elend möchte ich aktiv verhindern.
Kognitive Dissonanz
Menschen leben in Systemen, die klimaschädliches Verhalten begünstigen. Dies führt zu widersprüchlichen Überzeugungen und Abwehrmechanismen wie Verleugnung oder Aufschieben. Das wissen nun wirklich alle: Klimaschutz beginnt im Kleinen, aber die großen Umweltverschmutzer sind große Unternehmen oder gar andere Nationen. Und ob ich nun das Fahrrad oder das Auto für eine Strecke nutze, wird den Klimaschutz nicht positiv verändern. Aber Klimaschutz zu prokrastinieren ist keine Option. Hirschhausen hat dazu einmal ein wirklich passendes Beispiel gemacht. Stelle dir vor, du wachst nachts auf und merkst, deine Blase drückt. Aber du stehst nicht auf, denkst, du kannst es aushalten, wieder wegträumen. Aber sei dir bewusst, was dann geschehen kann… Wir müssen uns stellen. Und zwar dem Zusammenhang von eigenem Handeln und der damit einhergehenden Verantwortung für unsere Gesellschaft und unser Klima. Wir können unsere kognitive Dissonanz nur durch Reflexion entlarven. Warum denken wir, brauchen wir einen neuen fancy Gegenstand? Ist es ein kurzfristiger Wunsch oder wirklich ein Brauchen? Sind die Entscheidungen, die wir treffen, wirklich vereinbar mit unserem Ziel, nachhaltiger zu leben? In welchen Lebensbereichen können wir noch mehr erreichen? Und sehr wichtig finde ich die Frage: In welchem Lebensbereich habe ich schon etwas in Bezug auf Nachhaltigkeit anders gemacht? Gibt es Lebensbereiche, die einen sehr großen Hebel haben, damit ich eine bessere Klimabilanz vorweisen kann?
Kurzfristige Denkweise
Sofortige materielle Belohnungen werden oft höher bewertet als langfristige Vorteile des Klimaschutzes. Diese Erklärung gilt besonders für den Aspekt des Konsums. Wir empfinden das Kaufen als Belohnung für eine Anstrengung. Und dass Belohnung wichtig für unsere Motivation ist, haben wir ja auch bereits geklärt. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Wunsch und echtem Brauchen. Sich einmal bewusst zu werden, warum wir etwas kaufen möchten, kann helfen, zu erkennen, ob wir es wirklich brauchen. Und auch hierzu gibt es tolle Fragen, zum Beispiel gegen Spontankäufe:
Brauche ich das wirklich?
Habe ich bereits etwas Ähnliches und kann ich es reaktivieren?
Gibt es das auch gebraucht?
Kann ich das mieten oder ausleihen?
Kann ich es auch eine Woche/Monat später noch kaufen?
Brauche/will ich das dann überhaupt noch?
Auch ein Bild hilft mir an der Stelle wieder: Ich stelle mir bildlich vor, ich stapele all meinen Besitz, all meine Kleidung, all mein Sammelsurium, meine Bücher auf einem Haufen. Wie groß wird dieser Haufen und wie kann ich verhindern, das der Haufen mir über den Kopf wächst? Aufhören Dinge zu kaufen, die ich nur habe, um sie zu besitzen.
Mangelnde strukturelle Unterstützung
Individuelles Handeln wird erschwert durch klimaschädliche Rahmenbedingungen wie Subventionen fossiler Energien. Auch dieser Aspekt macht mich zunächst nachdenklich. Was habe ich, kleiner Mensch, mit meinem 7,7 Tonnen CO2-Ausstoß im Jahr (das sind ca. 30 kg pro Tag) gegen 51 Mio. Tonnen Ausstoß der Industrie entgegenzuhalten? Aber dann wird mir bewusst: 7,7 Tonnen. In Bildern ausgedrückt: Das sind fast 8 Schwimmbäder voller CO2. Denn 1 Tonne entspricht dem Volumen eines 10 Meter breiten, 25 Meter langen und 2 Meter tiefen Schwimmbades. Und nun überlege ich: Durch die Umstellung auf vegetarische oder gar vegane Kost kann jeder Mensch rund 700 kg CO2 weniger im Jahr verbrauchen - also fast ein Schwimmbad weniger. Auch das Nutzen von Mehrweg kann CO2 einsparen. Ich kann meine Einkaufstaschen nutzen und auf die kleinen Umverpackungen von Obst und Gemüse verzichten. Ich kann des Weiteren auch größere Veränderungen einführen. Denn Energie und Strombedarf sind die größten CO2-Produzenten – auch für kleine Haushalte. Ich kann also meinen Stromanbieter wechseln und auf Ökostrom setzen. Ich kann mein Heizverhalten optimieren und mich dazu beraten lassen. Ich muss nicht große Strukturen ändern, sondern kann das nutzen, was mir meine Umwelt bereits an Lösungen anbietet. Ich stelle mir bildlich vor, wie die Anzahl an gefüllten CO2-Schwimmbädern einfach sinkt.
Alle Erklärungen und Ausreden kann ich mit meiner visuellen Vorstellungskraft aushebeln und mich doch motivieren, im Kleinen wie im Großen wieder klimafreundliches Verhalten einzuführen in meinen Alltag. Ich muss mir über die echten Hemmnisse bewusst werden und dafür individuelle Lösungen schaffen, die zu mir und meinem Leben passen. Und ich feiere die kleinen Schritte für mich sehr, das erhält meine Motivation. Und ich visualisiere für mich den Berg an Müll, den ich aktiv verkleinere - das stärkt meine Selbstwirksamkeit. Ich fühle mich motivierter, weil ich sehe, dass mein Handeln einen Unterschied macht.
Visualisierung ist meine Superpower, die ich sogar für meine erfolgreiche Verhaltensänderungen für Klimafreundlichkeit nutzen kann. Welche Superpower hast du?
