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Visual Storytelling im Workshop: Warum Gruppen nicht in Sätzen denken

Die Strategieklausur lief gut. Drei Tage, kluge Menschen, wichtige Themen. Am Ende standen dreizehn Flipchartbögen, vier ausgefüllte Matrizen und ein Foto vom letzten Schaubild. Sechs Wochen später fragte die Geschäftsführerin, was eigentlich die konkreten Maßnahmen waren, also die, auf die man sich geeinigt hatte.

Niemand wusste es mehr genau.

Die meisten Menschen, die ich frage, kennen diese Erfahrung. Und viele führen sie auf schlechte Nacharbeit zurück. Das Problem beginnt aber meines Erachtens nach schon früher: Wie Gruppen gemeinsames Verstehen aufbauen und was davon im Gedächtnis bleibt. Das gemeinsame Bild, welches eigentlich entstehen soll, besonders bei strategischen Sitzungen, ist nicht gleich bzw. folgt keinem gemeinsamen Narrativ. Es gibt Besonderheiten, wie dies entsteht. Mich hat dieses Thema total fasziniert, so dass ich dem auf dem grund gehen wollte.

 

Der Picture-Superiority-Effect: Warum Bilder im Workshop-Gedächtnis halten

Allan Paivio beschrieb in den 1970er-Jahren, was Kognitionspsycholog*innen heute als Grundlage nehmen: Menschen verarbeiten Bilder auf zwei Wegen gleichzeitig: visuell und verbal. Text nur auf einem. Der Effekt ist messbar und trägt einen eigenen Namen: Picture-Superiority-Effect. Bildgedächtnis ist stabiler, präziser und langlebiger als Wortgedächtnis, nicht weil Bilder eindrücklicher sind, sondern weil das Gehirn mehr Einstiegspunkte für die Erinnerung hat.

Dreizehn Flipchartbögen sind Text. Auch wenn er auf Papier steht und mit Markern geschrieben ist.

 

Was Visualisierung in Gruppen wirklich leistet

Was Bilder in Workshops leisten sind zum Beispiel visualisierte Zusammenhänge, Metaphern, die einen Sachverhalt auf den Punkt bringen und sind was besonderes: Sie schaffen eine gemeinsame mentale Repräsentation. Eine Karte des Gesprächs, nicht seiner Ergebnisse. Diese Karte können alle sehen. Alle können auf dieselbe Stelle zeigen. Und alle merken sofort, wenn jemand anderes auf eine andere Stelle zeigt.

Der Unterschied zwischen Dokumentation und Denken liegt genau hier.


 

 

Visual Framing im Workshop: Wer das Bild gestaltet, gestaltet das Denken

Geise und Xu haben 2025 eine systematische Review von 72 empirischen Studien veröffentlicht, die untersucht, wie visuelle Frames in Kommunikationsprozessen wirken. Das Ergebnis: Visuelle Frames beeinflussen, was Menschen wahrnehmen – und sie bestimmen mit, welche Interpretationen überhaupt denkbar werden. Kognitiv, affektiv, behavioral: die Wirkdimensionen sind breiter als die meisten Auftraggeber*innen ahnen.

Übersetzt auf den Workshop-Kontext heißt das: Wer keine bewusste Entscheidung über Visualisierung trifft, überlässt das Framing dem Zufall. Die Art, wie eine Frage auf dem Flipchart steht. Welcher Begriff oben steht und welcher unten. Welches Bild zuerst entsteht – das alles beeinflusst, in welche Richtung eine Gruppe danach denkt. Das passiert ohnehin. Die Frage ist nur, ob es beabsichtigt ist.

 

Narrative Transportation: Warum Geschichten Gruppen mehr bewegen als Argumente

Narrative Transportation ist der Begriff, den Forscher*innen für den Zustand verwenden, in dem Menschen in eine Geschichte eintauchen. Green und Appel haben 2024 zusammengefasst, was ein Jahrzehnt Forschung zeigt: In diesem Zustand sinkt die kognitive Resistenz gegenüber neuen Ideen. Gruppen denken nicht mehr gegen eine Position an, sondern sie denken mit. Das menschliche Gehirn ist für narrative Verarbeitung gebaut, für Zusammenhang und Verlauf, für Anfang und Wendepunkt. Eine Bullet-Liste triggert dieses System nicht.

Das erklärt, warum in Workshops so viele gut vorbereitete Präsentationen an der Oberfläche bleiben: Wer eine Gruppe informieren will, erreicht Informiertheit. Wer sie in eine Geschichte führt, erreicht Verständnis. Und Verständnis ist das, was später im Raum bleibt, wenn die Flipchartbögen längst abgehängt sind.

Ginting et al. haben 2024 gemessen, wie narrativ aufbereitete Information Wissensretention und Transferleistung beeinflusst und das nicht nur kurzfristig, sondern über eine andauernde Zeit. Kontextualisierte, in Zusammenhang gebettete Information bleibt. Isolierte Fakten tun das deutlich seltener.

 

Visual Storytelling: Wenn eine Geschichte sichtbar wird, während sie entsteht

Visual Storytelling, ob als Graphic Recording, Sketchnote oder live gezeichnetes Strategiebild, das ist die Verbindung beider Erkenntnisse: Eine Geschichte, die sichtbar wird, während sie entsteht. Dabei handelt es sich nicht um einen Vortrag mit Bildern. Viel mehr ist es ein gemeinsamer Denkprozess, der eine visuelle Spur hinterlässt.

 

Was das für Strategieprozesse und Klausurtagungen bedeutet

Viele Organisationen, mit denen ich als Visual Facilitatorin und Graphic Recorderin arbeite, investieren erheblich in Klausurtagungen, Strategieprozesse und Workshops. Raummiete, Reisekosten, externe Begleitung, vor allem aber Arbeitszeit von Menschen, deren Zeit teuer ist.

Am Ende dieser Prozesse entscheidet eine Frage, ob der Aufwand sich gelohnt hat. Ob alle mit demselben Vorstellung von den Maßnahmen oder auch mentalen Modell aus dem Raum gehen.

Alignment ist ein kognitiver Zustand, von echter Zusammenarbeit hin zu einem gemeinsam verstandenem Ziel. Zwei Menschen sind gemeinsam stimmig ausgerichtet (= Alignment), wenn sie auf dieselbe Struktur zeigen können und dasselbe meinen. Wer Alignment durch Gespräche herstellt, ohne dieses Gespräch sichtbar zu machen, verlässt sich auf geteilte Sprachinterpretation und die ist fragiler als wir denken. Es kann das selbe Wort sein, welches aber verschiedene Bilder im Kopf hertsllt. Das ist der Ort, an dem strategische Prozesse regelmäßig scheitern, wenn sich niemand über die eigene Wahrnehmung austauscht.

Ich erlebe in Workshops immer wieder, wie der Moment, in dem eine Gruppe gemeinsam auf ein Bild schaut, das Gespräch verändert. Missverständnisse werden sichtbar, die im Abstrakten verborgen lagen. Plötzlich merken Beteiligte: Wir haben denselben Begriff benutzt und verschiedene Dinge gemeint. Das ist kein kleiner Moment, der Klarheit herstellt. Das ist ja auch der eigentliche Grund, weshalb sie überhaupt zusammengekommen sind.

Visual Storytelling macht sichtbar, was sonst implizit bleibt und gibt einer Gruppe die Chance, genau an dieser Stelle anzusetzen.

 

Die entscheidende Frage vor jeder Workshop-Planung

Wer Workshops oder Klausuren plant, bestellt meistens Zeit, Moderation und Methodik. Was sich lohnt, ist eine Frage früher anzusetzen: Welche Geschichte erzählt dieser Prozess? Und wer trägt Verantwortung für die Geschichte, so dass sie im Raum sichtbar wird? Kann die Geschichte mit Worten erzählt bzw. entwickelt werden? Das ist eine strategische Entscheidung, kein ästhetisches Detail.

 


Ich bin Melli und mache als  Visual Facilitatorin, Moderatorin und Graphic Recorderin Wissen sichtbar. Ich begleite Teams in Prozessen, in denen Komplexität sichtbar werden muss, damit sie besprechbar wird.


Quellen: